„Funkisch“ denken 2: Sprache im Radio

„Funkisch“ denken 2: Sprache im Radio.

Schreiben/Formulieren fürs Hören – und erst mal fürs Sprechen.

Sprache im Radio ist zum Hören gedacht, nicht zum Lesen. Die Herausforderung des Radiojournalisten: Der Zuhörer ist ihm ausgeliefert, kann nicht mal langsamer oder schneller durch den Text gehen. Oder mal zurückspringen, weil er etwas noch einmal lesen will. Der Zuhörer muss das nehmen, was ihm der Radiojournalist vorgibt. Deswegen muss sich der Radiojournalist besonders anstrengen, ver- ständlich zu formulieren. Und dabei auch schon mal den Duden außer acht lassen.

Radio ist linear – ein Punkt nach dem anderen, in einer Linie aufgereiht. Oder an einem (roten) Faden, an dem sich der Text (bzw. die Information) entlang hangeln sollte. Hin- und Herspringen überfordert den Zuhörer. Und deswegen lassen wir es sein. Also: Klare Gliederung, keine Gedankensprünge. So erzählen, dass es bei einmaligem Hören verstanden wird.

Die Faustregel dabei lautet: Ein Gedanke nach dem anderen, Sätze in Sinnschritte unterteilen, die möglichst nicht länger als zehn Wörter sind.

Wie formuliere ich die Sätze?

Nur kurze Hauptsätze wirken langweilig. Aber abwechselnd Haupt- und Neben- sätze – das ist lebendig. Aber jeder Satzteil sollte nur einen Gedanken enthalten. Das schützt vor falschen Betonungen und leitet den Zuhörer auf die Kernaussage hin, die am Ende des Satzes steht. Eine Ausnahme: Bei Gefühlsäußerungen z.B. in der Moderation kann schon mal das Wichtigste vorne stehen: „Das ist eine tolle Leistung; das macht ihm so schnell keiner nach!“

Bei der Abfolge von Haupt- und Nebensätzen sind Nebensätze nicht dafür da, Nebensächliches an den Hauptsatz anzuhängen. Beim Schreiben geht das; da liest man dann drüber hinweg, beim Hören (und beim Sprechen) wird man gezwungen, der Aussage eine Bedeutung zuzumessen, die ihr möglicherweise nicht zusteht – je- denfalls nicht in dem Zusammenhang. Besser ist es, die Sätze zu teilen. Dann wird dem Hauptsatz nicht die Wichtigkeit genommen oder die Betonung ungelenk geset- zt. Oder ich lasse das Nebensächliche im Nebensatz ganz weg.

Verben nach vorne! Sie drücken „action“ aus, und um Handlung geht’s ja. Verben also nicht so auseinander reissen, dass die Hörer zu lange auf die Folter gespannt werden, um was es eigentlich geht und was nun gemacht oder nicht gemacht wird.

Und weil Menschen handeln und Dinge nicht irgendwie passieren, sagen wir das auch: Aktiv statt Passiv. Außerdem ist der Aktiv meist kürzer und näher an der Alltagssprache.

Weil Radio linear ist, keiner im Text zurück blättern kann, brauchen wir Wiederhol- ungen. Und sollten dabei keine Scheu vor denselben Wörtern haben. Wiederholun- gen sind so besser einzuordnen und zu verstehen. Also nicht krampfhaft nach Al- ternativen suchen, sonst muss der Zuhörer zu viel nachdenken, was damit gemeint ist. Beispiel: „Abgeordnete“ nicht im nächsten Halbsatz durch „Parlamentarier“ er- setzen, im übernächsten durch „Volksvertreter“. Das verwirrt.

Gedanken durch Gelenkwörter verbinden: Trotzdem, deswegen, dagegen, darum – solche Gelenkwörter am Satzanfang erleichtern das „Entlanghangeln“ am roten Faden. Und vermeiden Sprünge. Es muss natürlich stimmig sein.

Was gar nicht geht: Komplizierte Gegensatzpaare. Und doppelte Verneinungen. Oder verstehen Sie diesen Satz beim ersten Mal: „In der Untersuchung zeigte sich, dass Männer eher für Beruf und Gelderwerb zuständig sind, Junggesellen sich auch um haushaltliche Belange kümmern.“ Na, sehen Sie!

Vorsicht bei mehreren Schlagzeilen ähnlichen Formulierungen! Für sich alleine vielleicht der Knaller, aber ohne Verknüpfung eher der Abschalter. Oder Weghörer.

Weil nicht klar ist, um was es geht.

Ganz dickes Brett: Nominalstil. Klingt wichtig, Platz sparend und dicht. Versteht nur keiner. Jedenfalls nicht im Radio. Lösen Sie Substantive auf und machen Sie Ver- ben daraus. Die drücken Handlung und Bewegung aus.

Partizipialkonstruktionen verkürzen zwar den Satz, aber auf Kosten der Ver- ständlichkeit. Zudem sind sie eine typische „Lese-„, aber keine „Sprechform“. Besser, den Inhalt in einen Nebensatz packen. Also nicht: „Die EU hat dem stark unter Druck stehenden russischen Präsidenten….“, sondern: „Die EU hat dem rus- sischen Präsidenten, der wegen seiner Reformpolitik stark unter Druck steht,….“ Eine andere Lösung: Zwei Sätze daraus machen.

(Unbekannte) Abkürzungen einmal schreiben und erklären.

So wenig Zahlen wie möglich. Am besten mit anschaulichen Vergleichen, ab- oder aufgerundet.

Vorsicht vor Wortungetümen mit vielen Silben. Sie stören vielleicht nicht den Wort- , aber den Sprachfluss. Und man verspricht sich leicht. Deswegen immer die geschriebenen Texte laut üben und dann ändern.

Moderatoren müssen keine Scheu vor Gemeinplätzen als Einleitung haben. Sie funktionieren wie ein breiter Trichter, durch den möglichst viele Hörer erst einmal in das Thema hineingezogen werden. Zudem lässt sich durch diesen „Gemeinplatz“ (Beispiel: „Morgens wird es hell.“, „Verbrechen wird man nie ganz beherrschen kön- nen.) ein gemeinsames Verständnis, ein gemeinsamer Ausgangspunkt für das The- ma herstellen, über das im Anschluss berichtet wird.

Sprachbilder / Metaphern: Nicht übertreiben. Sprache, die Bilder im Kopf des Hör- ers erzeugt, ist gut. Zu viele Metaphern überfordern aber den Hörer – ebenso wie zu viele Adjektive.

Gleiche Klänge sind ebenfalls verwirrend. Der Hörer benötigt zu viel Zeit, um sie einzuordnen. Der Sprecher ist dann bereits zwei Sätze weiter…. Beispiel: „Wo woll- tete ihr ihr ihre Wollsocken hinlegen?“

Alle diese Regeln sind nur „Krücken“ auf dem Weg zum eigenen Sprechstil. Natür- lich muss der Hörer-gerecht und verständlich sein. Aber nicht aufgepfropft. Beson- ders bei Moderatoren und Reportern ist das wichtig: Das ist die „Spreche“ Teil der individuellen, journalistischen Kompetenz. Nachrichten sind im Aufbau und bei Wortwahl dagegen eher normiert und standardisiert.

In allen Fällen hilft, die Texte frei formuliert aufzuschreiben und immer wieder laut vortragen. Im Zweifelsfall geht Verständlichkeit vor Duden-Genaugkeit. Rund- funkmanuskripte müssen nicht literarische Meisterwerke sein.

Noch ein Tipp zum Ton: Wer die Hinweise zum Schreiben beachtet, sollte wie von selbst beim Vorlesen auch die richtige Betonung treffen. Das funktioniert am besten, wenn Sprecher und Zuhörer mitdenken bzw. mitdenken können, wenn also Sprechen und Denken wie in einem Gespräch zeitgleich laufen. Sätze sollten dabei (und so ist es auch beim spontanen Sprechen) eine Hauptbetonung haben, die auf dem Sinnkern liegt. Meistens ist das am Ende eines Satzes. Nicht betont werden Gelenkwörter (es sei denn, ihr Inhalt soll besonders hervorgehoben werden). Atem- pausen werden nach Sinnschritten gesetzt, nicht während eines Gedankens, aber nicht nicht unbedingt nach jedem Sinnschritt. Was inhaltlich zusammengehört, wird auch in einem Spannungsbogen erzählt.

Ein Hörfunkmanuskript ist u.a. dafür gedacht, dass bei der Produktion des Beitrages Techniker und Sprecher verstehen, um was es geht, und dass sie sich Markierungen und Anmerkungen machen können. Deswegen sollten sie sehr über- sichtlich geschrieben werden, mit viel „Luft“ und mit vielen Absätzen. Zwei oder „nochmehr-zeilig“ schreiben. Dann ist genug Platz, um Notizen für die Betonung machen zu können: Hebungen, Senkungen, Spannungsbögen, Pausen. Und es ist auch Platz für spontane Korrekturen.

Weitere Literatur:
Stefan Wachtel: „Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen.“

Und ein Audio-Linktip: Die Sprecherzieherin Christine Kugler hat mir für einen Bericht auf spiegel.de eine kleine akustische Hörprobe produziert und dabei beschrieben, welche Fehler es beim Sprechen von Texten geben kann und wo die Ursache liegt. Hier der Link: http://bit.ly/1f02mcm

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