Gutes Journalistendeutsch

Gutes Journalistendeutsch:
Worte, die (nicht nur) im Radio stören – und wie es besser geht.

Journalisten erklären und ordnen ein. Ihre Aufgabe ist es nicht, zu verklären und zu verschleiern. Entsprechend wählen sie ihre Sprache – und vermeiden Worte, die diesem Anspruch nicht genügen.

– aufgeblähte, umständliche Sprache, Worthülsen:

Beispiele für schlechte und Formulierungen sind Begriffe wie konkret, sozusagen, gewissermaßen, vermehrt, eigentlich, veranstalten, durchführen, stat- tfinden, vornehmen, Veranstaltung, Projekt, Patentrezept,Verfolgung der Interessen, im Rahmen von, durch Einsatz von

>> Manchmal sind diese Begriffe nicht zu vermeiden. Meistens lassen sie sich durch Wörter ersetzen, die inhaltsreicher, genauer, direkter und damit besser sind.

Andere Formulierungen haben kaum oder gar keinen Inhalt und lassen sich kürzer und treffender fassen oder ganz streichen, zum Beispiel: eine Maßnahme durch- führen, einen begeisterten Empfang bereiten, den Prozess vorantreiben, Fördermittel freisetzen, als Dialogpartner in Erscheinung treten

– wenn sich Verben und Objekt nicht vertragen

Beispielsätze für „Fehldeutungen“, weil der Bezug von Verb und Objekt falsch ist:

„Die Firma beschäftigt mit einem Jahresumsatz von 470 Millionen Euro 8000 Mitar- beiter.“ (…macht schlappe 50 000 Euro für jeden, oder?)

„Die bisherigen Veranstaltungen machen Verluste.“ (nein, eine Organisation oder Firma hat mit den Veranstaltungen Verluste gemacht.)

„Das Schützenfest läuft von morgen bis Sonntag.“ (…aber wohin?)

„Bis Ende kommenden Jahres soll das Zentrum eröffnet werden.“ (so lange eröffnen die?)

– Metaphern

…sind oft alt, ausgelutscht und abgedroschen. Zum Beispiel: Zugpferd der Entwick- lung sein, wie eine Bombe einschlagen, die Werbetrommel rühren, auf Hochtouren laufen, brodelt die Gerückteküche

…oder falsch bis eklig: Der Hundekot ist dem Satdtrat ein Dorn im Auge.

In Nachrichten ist Bildsprache eher unpassend. Gut und treffend angewendet ist sie aber bei Reportagen, Features und Berichten sinnvoll.

– Lobbyisten-Jargon, Werbebotschaften, Verharmlosungen, Übertreibungen

Begriffe wie Optimierung, Störfall, Personalfreisetzung, Parkplatznot, ein drohender Streik, thermische Verwertung drücken bestimmte eine bestimmte, vom jeweiligen Standpunkt abhängige polititsche oder gesellschaftliche Haltung, eine mögliche Übertreibung oder Verharmlosung dar. Als Journalisten machen wir keine Reklame oder melden tendenziöse Statements. Ähnliches gilt für „Superlative“ wie ver- heerendes Unwetter, totales Chaos, Großbrand und Behauptungen wie erstmals, einzigartig, Meilenstein.

– Synonymitis

Keine krampfhafte Suche nach Synonymen. Angler sind nicht im nächsten Satz Petrijünger, Jäger keine Waidmänner.

– „weiße Schimmel“

Weltweites Internet, charismatische Ausstrahlung, energisch durchgreifen, sich zum Teil überschneiden, Veröffentlichungen publizieren ist doppelt gemoppelt. Eine Schimmel ist eh schon weiß, der muss nicht noch mal so bezeichnet werden.

– Maßeinheiten

… werden nicht gebeugt. Es sagt keiner: „Heute wird es bis zu 31 Graden heiß.“ Es kann sich auch nicht der Verkehr „auf 13 Kilometern Länge“ stauen. In den Bergen fällt auch nicht „ab 400 Metern Schnee“.

Allerdings: Wenn die Maßeinheit durch einen Dativ besonders hervorgehoben wer- den soll, kann es heißen: „Auf den letzten 50 Metern konnte er sich nochmals steigern.“

– Präpositionen

„Durch“ für Modalsätze (Art und Weise), aber nicht bei Kausalsätzen (Ursache): Nicht „Durch den Unfall musste die Autobahn gesperrt werden“, sondern „Wegen des Unfalls…“

– Singular und Plural

Das Subjekt eines Satzes gibt Singular oder Plural vor, nicht die Zahlenangabe, mit der das Subjekt näher beschrieben wird: „Bislang floss 100 Kilogramm Phospor pro Tag in den Bach.“ „20 Prozent des Geld behalt das Land.“ „Ein Drittel der Gäste blieben aus.“

Wenn in einem Satz mehrere Subjekte auftauchen, mal im Singular, mal im Plural, dann ist für jedes Subjekt ein vollständiges Verb erforderlich. Also nicht: „Der oder die Täter sind noch unbekannt.“

Bestimmte Begriffe gibt es nur im Singular – auch wenn manche Experten in Politik und Wirtschaft ständig wichtigtuerische Pluralvarianten erfinden. Es gibt Abwasser, aber keine Abwässer, Angst und Besorgnis, aber keine Ängste und Besorgnisse, Geld aber keine Gelder.

– wenig oder wenige?

Grundregel: Viele/wenige für Personen, Gegenstände und alles, was sich abzählen lässt (auch in übertragenem Sinne), viel/wenig für Flüssigkeiten, Gase und andere amorphe Massen (auch im übertragenen Sinne).

– als oder wie?

Wie: wenn Gleiches verglichen wird: „halb so schnell wie“ als: wenn Ungleiches verglichen wird: „schneller als“

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